Contagiuos-ansteckend

Eröffnungsrede von Hans-Jörg Loskill in der Galerie Idelmann am 21.11.2009 zur Ausstellung „contagious-ansteckend“

Der Mensch ist zweckgebunden, erdbezogen, praxisnah. Er schaut sich nach Positionen,Haltungen, Orientierungen, Richtungspunkten um. Er fragt nach dem Warum, Wieso, Wozu,Wie und Was. Das führt, will man schnelle Antworten geben, oft in die Irre, in die Irritation,sogar in die falsche Spur.
Wenn wir den Arbeiten von Monika Debus gegenüberstehen, dann setzen Staunen, Fragen,Überraschungen, Erkenntnis und Missverständnisse ein.
Also fragen wir doch einmal angesichts dieser Werke, die seit 2004 in der Keramischen Werkstatt der Künstlerin aus dem Töpfer-Dorado Höhr-Grenzhausen im Westerwald entstanden sind; was sind die Ausgangspunkte und Richtwerte dieser Malerin, die Tonware im Salzbrand benutzt, oder dieser Keramikerin, die Objekte herstellt.

Damit haben wir schon eine wesentliche Mitteilung gemacht: Monika Debus steht zwischen den Stühlen, sie verhindert das einfache und naive Schubladendenken, an das wir uns so angenehm gewöhnt haben. Sie malt und sie töpfert, sie benutzt Hand-Werk und orientiert sich an eigenen Idealen der Kopfarbeit, sie wählt das Naturprodukt Ton als schöpferisch ausgewertete Leinwand. Natürlich klinkt sie sich in das Prozessuale dieses Genres voll ein,sucht sich das geeignete Material, arbeitet sich in technischen Schritten hinein in die Entstehung jedes einzelnen Stückes zwischen Bild und Gefäß, zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, zwischen Funktion und künstlerischer Freiheit. Aber ihr Schaffen weist weit über diesen Tellerrand des Werkstatt-Schaffens hinaus. Sie führt uns stilsicher und geschmackvoll in die Welt der Offenheit, der freien Assoziation, der Träume, der Lebendigkeit des scheinbar toten Steins, der ungewissen Form, der rituellen Zeichnung.

Bei Monika Debus vereinigen sich ganz verschiedene Strömungen der Kunstgeschichte zu aktueller, sublimer und subjektiven Gestaltungs-willens: Da sind die Felszeichnungen und Linienschwünge so genannter primitiver Völker, elementare Antiken-Systeme, japanische Kalligraphie-Kürzel, informelle und tachistische Anklänge aus den 50er oder 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, Horizonte eines individuellen Weltbildes, das sich an Punkt-Linie-Kreis-Design orientiert, Öff11ungen, die auf Sinn deuten, haptische Erfahrungen mit kultischem Hintergrund, freie Malerei mit entweder symmetrischen oder asymmetrischen Bedingungen, raue und doch elegante Oberflächen, die das salzige Wesen dieser Objektkunst betonen, „ansteckende“ virtuose Handhabung eines Werkstoffes, der sich in ein Zwischenreich aufmacht -ganz weltlich, ganz irdisch, ganz menschlich -und doch wieder ganz irrational, ganz fantastisch, ganz unwirklich. Die Kunst der Monika Debus lebt genau von diesem Kontrast, von den beiden ideellen und technischen Polen -die Deutlichkeit des Gefäßes wird aufgehoben durch gedankliche Schrägen und Verdrehungen, die dennoch abgefangen werden von einer Standfestigkeit in der Aussage und in der Formgebung.
Was ist Keramik? Ein Zusammenspiel von Maß und Masse, Volumen und Farbigkeit,Proportion und Balance, Rhythmus und Intimität, Gefühl und Verstand, Handlichkeit und Ausbruch aus der normativen Kraft, Physis und Psyche. Mal neigt sich das einzelne Stück dieser Einordnung zu, mal in eine andere, unbekannte, fremde. Man muss sich auf diese Wandbilder und Standobjekte einlassen und sich nicht ständig blockieren mit der Frage“ Was soll das“, „was ist das“, „was bedeutet es“.

Da ragen Arme aus der Wand, greifen nach uns, fordern den Blick auf sie heraus. In der Mitte der Galerie „Badewanne“, eine originäre, die Künstler herausfordernde Eigenart im Hause Idelmann, arrangiert sie rund 50 kleinformatige und kleinteilige „Module“ zu einer Installation, die ebenso Nestwärme ausstrahlt wie einer Spielidee huldigt. Das Bad mit seiner Nass-Kultur lässt uns schnell an Pilze, Viren oder Bakterien denken, die von unten auf aus diesem Raum hervor wachsen -Angefangenes, Kleines, Wachsendes, Unfertiges. Blau, weiß,braun, schwarz, gebrochene Töne rufen uns an -sie richten wie Kinder an Erwachsene Fragen an uns. Wer sind wir, wer seid ihr, wohin geht die Reise, was macht ihr da oben, was können wir hier unten erreichen, wie verhalten wir uns zu der Gesamtsituation des
Großraumes?
Monika Debus steckt an und klärt dennoch nur bedingt: das Ungewisse, Fragende, Befragte, Geheimnisvolle, Mystische und Mythische dominieren. Sie führen uns absichtlich und bewusst in eine Ebene der Rätsel und der Veränderung, der Verfremdung und des Exotischen.
Als wollte sie sagen: Die Welt steckt voller Geheimnisse und Fragen, die Antwort und die Klärung liegen bei dir selbst. Du musst nur bereit sein, sich auf geistige Abenteuer einzulassen. Und schon bewegen wir uns, angeregt und geleitet von der bildnerischen Plastik dieser Künstlerin, auf philosophischem Terrain. Monika Debus ist eine Denkerin in der Form, eine Kommentatorin der Ästhetik, eine Expressionistin der offenen Assoziation.
Das macht ihr Oeuvre fi1r uns wertvoll, anstrengend oder herausfordernd. Den künstlerischen Weg in die Gemütlichkeit der Idylle verweigert sie strikt. Genau das Gegenteil dieses bequemen Schematismus‘ strebt sie an.
Und noch ein Gedanke kommt angesichts ihrer Malerei-Gefäße, die uns wie in einem kultisch geprägten Raum vom Boden oder von der Wand, vom Podest oder aus der Höhe anvisieren, hoch. Denn wer um das Wesen und das Machen keramischer Produktion weiß, kennt den Bruch der Scherben, das Risiko des Misserfolges beim Brand im Ofen, die Chance der Zerstörung. Auch diese Zufälligkeit des Geschehens zwischen erster Materialbegegnung und visionärer Formgebung bindet sie ein. Sie sagt: „Das ist für mich so aufregend wie anregend.
Ich entdecke im Bruch das Neue, das Unbekannte, das noch zu Gestaltende.“ Zerstörung nach der Gestaltung? Ein Widerspruch? Ein Rückschritt? Eine Verunklarung? Gelassen reagiert Monika Debus auf diese Fragestellung. Nein, für sie sei das Bruch-Stück zugleich eine Hoffnung auf einen neuen Prozess, auf eine Entwicklung und Erweiterung. Es wird zum Symbol des Lebens allgemein: nach dem Tod folgt das Leben, nach dem Leben folgt der Tod, aus dem Ursprung keimt das Neue, Andere, Kühne. Die Menschen reichen ihre Erfahrungen, Wünsche, Träume, Sehnsüchte und Utopien weiter. Ein Generationen-Verbund als Kette, künstlerisch und kreativ begründet. Dazu fällt mir der Satz eines bekannten Kunsthistorikers ein: „Alle Kunst ist vom Bruch durchfurcht“ (Rolf Tiedemann).
Nimmt man alle Bausteine im Keramik-Kosmos dieser Künstlerin wahr und rückt sie eigenständig zu einer Architektur zusammen, so ergibt sich als Brückenschlag die Versöhnung von Körper und Geist -der Wunsch und Traum vieler Philosophen und Menschenkenner. Man könnte an die Stelle dieser Polarität auch die Begriffe Hülle und Seele setzen. Dann greift man bei den Arbeiten von Monika Debus auf die Parameter des Menschenmöglichen hin. Beides bedingt sich wechselseitig.
Das macht die Gefäßplastiken und die Bildtafeln dieser Keramikerin so unverwechselbar und reich an inneren Werten. Das Schönste und Kostbarste sei am Schluss angemerkt: Die Stücke von Monika Debus verraten viel über das Wesen der Dinge und die Seele des Abstrakten. Die uralte Steinform wird zum Prinzip -und doch geht die Künstlerin weit über diese Grundinformation hinaus.

Zufall und Steuerung, Geist und Körper, Ganzheit und Bruchstück, Farbigkeit und Monochromie, Tradition und Innovation, Intuition und Dynamik, Bestimmtheit und Offenheit, Rundes und Gerades, Spiel und Struktur, Poesie und Strenge, Klang und Echo,Beteiligtsein und Distanz geben sich bei Monika Debus die Hand. Dieses polare Prinzip wandert durch alle Phasen und Entwicklungen der Künstlerin.

Mit einem Zitat des Museumsmannes und Kunstwissenschaftlers Kurt Lüthi möchte ich schließen: „Kunst ist ein Reflex einer inneren Bewegung, auf die das Zeichen antwortet.“
Darüber können Sie, meine Damen und Herren, angesichts der Debus-Formen, der Frage-Zeichen und Geist-Klänge intensiv nachdenken. Es blicken viele Zeichen wie Signale auf uns: Wir können sie lesen. Mit und durch Gefühl, mit und durch Wissen.